Biogas: Wenn Nahrungsmittel verheizt werden

Biogas-Anlagen verarbeiten Biomasse aus Pflanzen und Lebensmitteln zu Strom und Wärme. Während die Lebensmittel oft noch genießbar sind, befürchten viele, die Biogas-Nutzung könnte zu einer Verdrängung von Lebensmitteln auf deutschen Feldern führen. Wie Biogas-Anlagen funktionieren, ob sie wirklich ökologisch sinnvoll sind und wie sich die Verwertung von Lebensmitteln in deutschen Biogasanlagen global auswirkt, erfahren Sie in den folgenden Abschnitten.  

Wie funktioniert eine Biogas-Anlage?

Biogasanlagen nutzten Pflanzen oder Lebensmittelreste zur Herstellung von Gas. Damit das funktioniert, werden die Ausgangsstoffe – das sogenannte Substrat – in großen Behältern vergoren. Die Arbeit übernehmen dabei zahlreiche Mikroorganismen. Unter Ausschluss von Sauerstoff, also in einer anaeroben Atmosphäre, zersetzen diese Biomasse aus Mist, Energiepflanzen, landwirtschaftlichen Nebenprodukten oder Bioabfällen in ihre Einzelteile. Als Endprodukt entsteht ein Gemisch aus Methan, Kohlendioxid, Sauerstoff und weiteren Gasen. Wie viel Energie dieses Gemisch beinhaltet, hängt vom Methan-Anteil ab. Ist dieser besonders hoch, ist das Biogas energiereich.
Nach Ablauf des Gärprozesses, der in der Regel 30 Tage dauert, wird das entstandene Gas abgesaugt und zum Beispiel in Blockheizkraftwerken zu Strom und Wärme umgewandelt. Während der Strom in das öffentliche Netz eingespeist wird, kann die Wärme in der Anlage selbst verbraucht oder über Nahwärmenetze an nahe gelegene Haushalte verteilt werden. Die bei der Vergärung übrig bleibenden Feststoffe können zum Beispiel als Bio-Dünger weiterverwendet werden.  

Welche Rolle spielt Biogas in der Energiewende?

Eine Antwort auf die Frage nach der Rolle des Biogases in der Energiewende ermöglicht ein Blick auf die Stromerzeugung in Deutschland. Nach Angaben des Fachverbandes Biogas e.V. produzierten deutsche Biogasanlagen im Jahr 2015 29,38 Terrawattstunden – 1 Terrawattstunde entspricht 1 Milliarde Kilowattstunden – Biogas in 8.856 Anlagen. Insgesamt versorgten somit 42.000 Arbeitskräfte 8,4 Millionen Haushalte mit grünem Strom.  (Quelle: biogas.org)

Vergleicht man diese Zahlen mit der deutschen Gesamtstromerzeugung im gleichen Jahr, erreichte Strom aus Biogas einen Anteil von 4,5 Prozent. Im Vergleich der übrigen Energielieferanten belegte Biogas damit Platz 7. Der größte Stromanteil im Jahr 2015 kam dagegen mit 24,8 Prozent aus Braunkohle. Unter den erneuerbaren Energien führte die Windkraft das Feld mit einem Anteil von 9,1 Prozent an. Strom aus Photovoltaik erreichte unterdessen einen Anteil von 5,8 Prozent und hat für die deutsche Energiewelt damit eine ähnliche Bedeutung wie Biogas. (Quelle: BMWi.de)

Betrachtet man den Zubau neuer Biogas-Anlagen in Deutschland, zeigt der Trend seit dem Jahr 2012 deutlich in eine Richtung: nach unten. Während im Jahr 2011 noch 1.476 neue Anlagen ans Netz gingen, waren es im Jahr 2015 gerade noch 130. Für das Jahr 2016 erwartet der Fachverband Biogas e.V. erstmals wieder einen Anstieg. Prognostiziert wird dabei die Inbetriebnahme 148 neuer Anlagen. (Quelle: biogas.org)

Der geringe Anteil an der Stromerzeugung und der stark rückläufige Ausbau neuer Anlagen, spricht dafür, dass Biogas in der deutschen Energiewende eher eine untergeordnete Rolle spielt.

Wie wirken sich Biogas-Anlagen auf Lebensmittelpreise aus?

In die Kritik geraten Biogas-Anlagen immer wieder, da sie unverdorbene Lebensmittel verarbeiten und den Platz auf Feldern mit Mais oder anderen Monokulturen blockieren.

Biogas ist keine Ursache für hohe Lebensmittelverschwendung
Bei der Verwertung von Biomasse aus Lebensmitteln sind Biogasanlagen eine ökologische Alternative zur Müllverbrennung. Denn sie holen so viel wie möglich aus den Reststoffen raus und schonen dabei die Umwelt. Problematisch ist dabei nicht die Biogas-Anlage selbst, sondern die Lebensmittelverschwendung, die entlang der gesamten Wertschöpfungskette stattfindet. Experten gehen davon aus, das rund ein Viertel der Lebensmittel in Deutschland entsorgt werden, noch bevor sie in die Haushalte gelangen. Und auch da setzt sich die Verschwendung fort. Rund 82 Kilogramm genießbare Nahrung schmeißt jeder Deutsche jährlich weg, so eine Studie der Universität Stuttgart (Quelle: bmel.de).

Wichtig für eine positive Bilanz ist hierbei nur, dass Biogas-Anlagen am tatsächlichen Ende der Kette stehen. Was nicht passieren darf, ist, dass die Anlagenbetreiber Lebensmittel aufkaufen, die sonst an gemeinnützige Einrichtungen wie die Tafeln gehen würden, die aussortierte Speisereste an bedürftige Menschen verteilen.

Biogas und Energiepflanzen: Keine Konkurrenz zu Nahrungsmitteln

Bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage nach den Auswirkungen der Energiepflanzen auf die Nahrungspreise, hilft ein Blick auf die Entwicklung der landwirtschaftlich genutzten Flächen. Seit 2010 blieb das Ackerland in Deutschland relativ konstant bei rund 11.900.000 Hektar. Ebenso konstant blieb auch der Anbau von Getreide. Während im Jahr 2010 6.595.400 Hektar für den Getreideanbau genutzt wurden, waren es im Jahr 2016 6.355.700 Hektar. Das entspricht einem Anteil von etwa 55 Prozent an der gesamten Ackerfläche.

Der Anbau von Pflanzen zur Grünernte, darunter zum Beispiel Silomais für Biogas-Anlagen, stieg hingegen gering, von 2.571.000 Hektar im Jahr 2010 auf 2.809.600 Hektar im Jahr 2016. Grünpflanzen hatten damit 2016 einen Anteil von 23 Prozent am gesamtdeutschen Ackerland. Betrachtet man die Zahlen, kann man erkenne, dass der Anbau von Energiepflanzen nicht in Konkurrenz zu Nahrungsmitteln, sondern eher zu Futtermitteln für Tiere steht. (Quelle: destatis.de). Der Einfluss des deutschen Biogases auf die regionale oder globale Entwicklung der Lebensmittelpreise dürfte damit gering bleiben.

EEG: Biogas-Bremse für Deutschland

Mit den Änderungen des Erneuerbare-Energie-Gesetzes, dass kürzlich beschlossen wurde, verschlechtern sich die Bedingungen der deutschen Biogasanlagen. So führen generell unsichere Verhältnisse und geringerer Vergütungen für den in das öffentliche Netz eingespeisten Strom zu einem verminderten Ausbau. Janet Hochi, Geschäftsführerin des Biogasrat+ e. V., kritisiert: „Der geplante Ausbau der Stromerzeugung aus Biomasse von 150 Megawatt brutto in den Jahren 2017 bis 2019 und perspektivisch 200 Megawatt bis 2022 ist unter diesen Rahmenbedingungen unmöglich und lediglich ein reines Lippenbekenntnis“ (Quelle: biogasrat.de).
Der weitere Ausbau deutscher Biogas-Anlagen und damit auch ihr zukünftiger Einfluss auf Preise konkurrierender Güter kann daher aus aktueller Sicht als gering eingeschätzt werden.

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