Die Energiewende: Der richtige Weg oder Teufelszeug?

DIE Grundlage überhaupt für das Gelingen der sog. Energiewende sind die erneuerbaren Energien, also Windenergie, Wasserkraft und Meeresenergie,  Sonnenenergie, Geothermie sowie Biomasse. Seitdem es darum geht, sich von fossilen Energieträgern ab- und alternativen Energiequellen zuzuwenden, wird von Kritikern und Befürwortern ein Streit nach dem anderen vom Zaun gebrochen. Besonders deutlich melden sich die Kritiker der Energiewende zu Wort und wiederholen beinahe schon gebetsmühlenartig immer dieselben Vorbehalte.

Der Energiemarkt und die -kosten sind seit Jahren heiß diskutierte Themen und werden es auch noch lange Zeit bleiben. Überall dort, wo es um viel Geld geht, sind Lobbyisten nicht weit. Man mag ihnen nicht unbedingt „Fake News“ unterstellen, aber Halbwahrheiten oder ein Überdehnen von Daten können das öffentliche Stimmungsbild durchaus beeinflussen. Wir greifen die gängigsten Behauptungen von Fürsprechern der fossilen Energieträger auf und sehen nach, was an ihnen dran ist.

Kritik: Der Einsatz der erneuerbaren Energien ist teuer

Alles, was neu eingesetzt oder angeschafft wird, kostet Geld. Eine Investition kann allerdings erst dann als teuer bezeichnet werden, wenn ihr weder Einnahmen, die sie mindestens ausgleichen, noch mittelfristig eine positive wirtschaftliche Prognose gegenüberstehen.Kann man das von der Energiewende tatsächlich so behaupten? Ist sie so etwas wie eine staatlich geförderte Geldvernichtungsmaschinerie?

Das kann ganz klar verneint werden. In Deutschland betrug der Anteil der Kernenergie an der gesamten Stromerzeugung in ihren besten Zeiten um 30 %. Den anteiligen Spitzenplatz hatte mit Ausnahme des Jahres 2000 die Braunkohle inne. Auch der Anteil der Steinkohle an der Stromerzeugung ist zwischen 1990 und 2016 mit 17 bis über 25 % auf einem relativ hohen Niveau. Im selben Zeitraum lag der Anteil von Erdgas zwischen 6,5 und 14 %. Die Kosten für den Import insbesondere der fossilen Energieträger tauchen in den Berechnungen der Kritiker der Energiewende allerdings nicht auf. Dabei lag beispielsweise die jährliche importierte Kohlemenge zwischen den 1970-er Jahren und dem Anfang dieses Jahrtausends immer zwischen 2,3 und mehr als 4 Millionen Tonnen (Quelle: Deutscher Braunkohlen-Industrie-Verein e. V., Statistik der Kohlenwirtschaft e. V.). Hierfür wurden mit Schweröl betriebene Schiffe eingesetzt, die der Umwelt mehr schaden als der Flugverkehr. Die hierdurch anfallenden Umwelt- und Gesundheitskosten werden jedoch statistisch nicht erfasst und müssen von der Gemeinschaft getragen werden. Hinzu kommen die rund um die Entsorgung der Kernkraftwerke entstehenden Kosten, die auch dann hätten aufgebracht werden müssen, wenn es die Energiewende nicht gegeben hätte: Die Frage der sicheren Endlagerung (geschweige denn Entsorgung) ist seit der Inbetriebnahme des ersten Atomkraftwerks ungeklärt, weshalb man sich seit jeher auf die sog. Zwischenlagerung beschränkt hat, die ebenfalls nicht gratis zu haben ist. Darüber hinaus ist die Lebensdauer jedes AKW endlich; die Abbaukosten wären also ohnehin entstanden. Sie wurden und werden von der stromverbrauchenden Allgemeinheit bezahlt.

Kritik: Die EEG-Umlage steigt ständig weiter an

An dieser Kritik irritiert zunächst, dass die seit Jahrzehnten praktizierten staatlichen Steuervorteile, Finanzhilfen und ähnliche Unterstützungen, die im Zusammenhang mit den fossilen Energieträgern mehr oder weniger versteckt gezahlt wurden, hier keine Rolle zu spielen scheinen.

Wer die EEG-Umlage als Kostentreiber der erneuerbaren Energien heranzieht, verschweigt, dass es ganz Ähnliches immer schon gegeben hat – das Thema wurde allerdings weniger transparent behandelt. Das heißt: Die Verbraucher haben seit jeher Unterstützungsleistungen finanziert – nicht direkt wie mit der EEG-Umlage, sondern indirekt über die Steuergelder. Der Internationale Währungsfond (IWF) hat genauer hingesehen: Er ermittelte 2015 für Deutschland eine jährliche Subventionierung der fossilen Energien in Höhe von 55,6 Milliarden US-Dollar (= rd. 52,52 Mrd. Euro). Dieser Betrag beinhaltet auch die Schäden, die durch die Verwendung fossiler Energieträger hervorgerufen werden, insbesondere die Luftverschmutzung und die Klimaerwärmung. Diese Berechnung geht davon aus, dass die Kosten für die Vermeidung von Klima- und Umweltschäden etwa 75 € je Tonne CO2 betragen (siehe auch Wolfram Krewitt (DLR) und Barbara Schlohmann (Fraunhofer Institut System- und Innovationsforschung), http://www.pvaustria.at/wp-content/uploads/5-erneuerbaren-Energien-fossilen-Energietraegern.pdf). Zum Vergleich: Die Förderung der erneuerbaren Energien über die EEG-Umlage ist mit ca. 23,2 Milliarden US-Dollar (= rd. 21,91 Mrd. Euro) nicht einmal halb so hoch. Würde man diese vom IWF errechneten Kosten wie bei den „Erneuerbaren“ auf die Stromrechnung aufschlagen, würde sich diese um mindestens 11 Cent/kWh erhöhen und wäre damit fast doppelt so hoch wie die EEG-Umlage. Was auch gern von Kritikern der Energiewende verschwiegen wird: Die Höhe der EEG-Umlage wird nicht zuletzt auch dadurch beeinflusst, dass eine deutliche Ausweitung der Ausnahmeregelungen für stromintensive Unternehmen sowie Firmen, die in einem besonders starken internationalen Wettbewerb stehen, stattgefunden hat. Alle Kunden, die von dieser Regelung nicht profitieren, finanzieren sie mit ca. 1,6 Cent/kWh. Da die Zahl der Firmen, die die „Besondere Ausgleichsregelung“, wie diese Vergünstigung korrekt heißt, in Anspruch nimmt, steigt, könnte sich deswegen auch die Umlage weiter erhöhen .
Im Übrigen ist das Ansteigen der EEG-Umlage aufgrund eines weiteren Umstands hausgemacht und nicht etwa das Verschulden der erneuerbaren Energien: Seit Herbst 2009 macht der Differenzbetrag zwischen den Ausgaben für die Förderkosten und den Verkaufseinnahmen an der Strombörse die Höhe der EEG-Umlage aus. Seitdem gibt es für den mit erneuerbaren Energien erzeugten Strom den Zwang, dass er an der Strombörse (Spotmarkt EPEX) verkauft werden muss. Da die Strombörse sich an den Grenzkosten ausrichtet, Strom aus fossilen Energieträgern jedoch ohne eine Bindung an die Strombörse zu günstigeren Preisen verkauft werden kann, entsteht auf einen Schlag eine Ungleichheit. Die Grenzkosten sind bei Kraftwerken gleichbedeutend mit deren Betriebskosten, was die erneuerbaren Energien herabwertet. Diese Schieflage ist nicht etwa durch die Art der Stromproduktion durch erneuerbaren Energien ausgelöst worden, sondern durch politische Vorgaben.

Kritik: In keinem anderen Land der EU ist der Strom so teuer wie in Deutschland

Hier wird angeführt, dass sich der Strompreis zwischen 2008 und 2015 für private Verbraucher um 36 % erhöht hat und mit 29,51 Cent/kWh nur noch von den in Dänemark üblichen Preisen überboten wird.

Eine derartige punktuelle Betrachtung schrammt haarscharf an der Seriosität vorbei: Um einen aussagekräftigen Vergleich unter den EU-Staaten zu ziehen, hätte die Entwicklung des Strompreises im o. g. Zeitraum in allen EU-Staaten herangezogen werden müssen. Darauf wurde jedoch verzichtet. Tatsache ist allerdings, dass für den in deutschen Privathaushalten verbrauchten Strom vor 20 Jahren drei Mal so lange gearbeitet werden musste wie heute. Deutsche Firmen mussten im Durchschnitt zwischen 2012 und 2016 nur eine unwesentliche Steigerung der Stromkosten um 0,71 Cent/kWh, wobei der Preis seit 2014 sogar wieder sinkt. Die großen energieintensiven Unternehmen sind hinsichtlich ihrer Stromkosten die Profiteure der Energiewende: Sie zahlten 2014 Energiekosten in derselben Höhe wie 2004. Auch interessant: Der Kostenanteil sämtlicher Stromkunden am Bruttoinlandsprodukt hat sich seit 1991 kaum verändert: Lag er damals bei 2,6 %, betrug er 20 Jahre später 2,5 %. Heute ist er knapp darunter.

Kritik: Die Energiewende wird zum Großteil von der Industrie bezahlt

Diese These kann als abenteuerlich bezeichnet werden. In jedem Jahr beantragten mehr Firmen die Befreiung von der EEG-Umlage, und die Zahl der genehmigten Anträge stieg ebenfalls. Dieser Trend wird von der seit dem 1. Januar 2017 gültigen EEG-Novellierung kräftig unterstützt: Die Bevorzugung der energieintensiven Unternehmen wurde ausgeweitet. Nun kommen auch diejenigen Firmen in den Genuss der Sonderregelung, die ihren Stromverbrauch aufgrund von Energieeffizienzmaßnahmen verringert haben, dadurch aber die Schwellenwerte für den Anteil der Stromkosten an der Bruttowertschöpfung (Stromkostenintensität) nicht erreicht haben. Derzeit gelten die „Besonderen Ausgleichsregelungen“ für 221 Branchen, 2.137 Unternehmen beanspruchten 2016 diese staatlichen Rabatte. Das erscheint vor dem Hintergrund, dass dies nur 4 % aller in Deutschland ansässigen Industriebetriebe sind, wenig; diese 4 % verbrauchen jedoch 40 % des industriell genutzten oder 20 % des gesamten Stroms und kommen in den Genuss von finanziellen Entlastungen in einer Gesamthöhe von ca. 4,7 Milliarden Euro. Ihre Beteiligung an der EEG-Umlage liegt aber bei gerade mal 2 %. Würde man diese Entlastungen auf alle Bundesbürger verteilen, ergäben das pro Kopf fast 60 Euro. Das, was an wenige Unternehmen gegeben wird, wird durch eine Umverteilung an kleine und mittlere Unternehmen sowie private Verbraucher wieder hereingeholt.

Kritik: Durch die hohen Energiekosten wird der Konkurrenzfähigkeit der deutschen Unternehmen geschadet

Die Bevorzugung von zahlreichen Branchen bei der EEG-Umlage wurde ober bereits ausführlich behandelt. Doch auch diejenigen Firmen, die die Umlage ungekürzt entrichten, haben einen zu geringen Stromanteil in ihren Gesamtkosten, als dass diese These unterstützt werden könnte. Im europäischen Vergleich hat das deutsche produzierende Gewerbe sogar Energie-Stückkosten zu tragen, die unter dem Durchschnitt liegen. Die Möglichkeit, sehr günstigen Strom an der Strombörse zu kaufen, wird von Unternehmen in Anspruch genommen und verringert ihre Stromkosten.

Kritik: Der Ausbau der erneuerbaren Energien überlastet die Stromnetze

Die Stromnetze wurden in den letzten Jahren besonders durch den billig in Kohlekraftwerken erzeugten Strom belastet, weniger durch den schwankend eingespeisten Ökostrom. Dieser Effekt entsteht hauptsächlich, weil die Kohlekraftwerke ihren Betrieb nicht entsprechend der eingeleiteten Ökostrom-Menge zurückfahren. Aber gerade sehr alte und längst abgeschriebene Kraftwerke können so kostengünstig Strom herstellen, dass sich ihr Betrieb auch dann noch rentiert, wenn die Preise an der Strombörse aufgrund eines Überangebots sinken.

Kritik: Der Netzausbau geht zu langsam voran

Auf den ersten Blick ist das richtig, aber der Grund für Netzüberlastungen ist die hohe Einspeisung von Kohlestrom (siehe oben). Doch in welchem Umfang ein Netzausbau benötigt wird, lässt sich derzeit schlecht einschätzen: Die größten Stromlieferanten wären zunächst bei einem erweiterten Netzumfang immer noch die klimaschädlichen Kohlekraftwerke, sodass vor allem sie die größten Nutznießer wären. Der ausdauerndste Verhinderer eines Netzausbaus von Norden nach Süden war das Land Bayern, das sich gegen den oberirdischen Überlandausbau stemmte und auf Erdkabeln bestand. Zu Gunsten eines idyllischen Landschaftsbildes werden zehnmal höhere Verlegungskosten und eine schlechtere Zugänglichkeit, die bei Störungen deutlich längere Ausfälle nach sich zieht, in Kauf genommen.

Kritik: Das Engpass-Management kostet jährlich eine Milliarde Euro

Aus einer Langfrist-Analyse der Bundesnetzagentur aus dem Januar 2017, die gemeinsam mit den Netzbetreibern erstellt wurde, geht hervor, dass der Re-Dispatchbedarf (= Eingriffe in die Erzeugungsleistung von Kraftwerken, um Leitungsabschnitte vor einer Überlastung zu schützen) im Winter 2022/2023 bei 11 bis 12 GW liegen wird. Dieser Zeitpunkt wurde ausgewählt, weil bis dann alle Atomkraftwerke abgeschaltet sind. Der Wert liegt sehr dicht an denen, die die Bundesnetzagentur für den Winter 2016/2017 erstellt hat: Sie geht anhand von vier verschiedenen Szenarien von einem Redispatchbedarf zwischen 12,6 und 16,5 GW aus. Daraus wird deutlich, dass sich auch im Zuge der Energiewende an dem Bedarf so gut wie nichts ändern wird.

Kritik: Der Technologie-Wettbewerb wird durch das Fördersystem unterbunden

Zahlen belegen das Gegenteil: Insbesondere die Einspeisevergütung hat einen sehr hohen Anreiz erbracht, zunehmend erneuerbare Energien einzusetzen. Das Vergütungssystem des EEG hat einen signifikanten Produktionszuwachs und Wettbewerb in diesem Sektor bewirkt, sodass Solarstrom weltweit zwischen 2009 und 2016 um 62 % günstiger geworden ist (Quelle: Bloomberg New Energy Finance, 3. Januar 2017). Die Experten gehen sogar davon aus, dass Solarstrom in weniger als zehn Jahren in fast allen Ländern billiger sein wird als Kohlestrom.

Kritik: Die Erneuerbaren Energien haben nur einen geringen Beitrag zum Klimaschutz

Es ist eigentlich ganz einfach: Dort, wo keine fossilen Energieträger verbrannt werden, entstehen auch keine umwelt- und klimaschädlichen Emissionen. Doch die Kritiker untermauern ihre Behauptung damit, dass die erhöhten CO¬2-Emissionen unmittelbar mit dem Atomausstieg zusammenhängen würden. Die Leistung, die vorher von („sauberen“) Kernkraftwerken geliefert worden sei, müsste jetzt von Kohlekraftwerken aufgefangen werden. Tatsache ist allerdings, dass die deutschen Kohlekraftwerke etwa 15 GW mehr Strom produzieren, als hier benötigt wird, um ihn zu exportieren. Nach den derzeitigen Planungen der Bundesregierung sollen ab Winter 2019/2020, also noch bevor alle Atomkraftwerke heruntergefahren worden sind, jedoch nur noch bis zu 4,4 GW Reservekraftwerke bereitgehalten werden. Diese Diskrepanz zwischen der heute erzeugten Strommenge und der in wenigen Jahren benötigten Reserve zeigt, dass bereits jetzt etliche Kohlekraftwerke abgeschaltet werden könnten, was sich sofort positiv auf die CO2-Emissionen auswirken würde. Lobbyisten führen als weiteren Beleg außerdem an, dass bei der Stromproduktion heute sogar mehr CO2 ausgestoßen würde als noch 2009. Sie „übersehen“ dabei, dass dieses Referenzjahr sich durch die einsetzenden Folgen der globalen Finanzkrise und die damit auch in Deutschland einhergehenden ökonomischen Folgen nicht als Vergleichsbeispiel eignet: In einer geschwächten Wirtschaft wird weniger produziert und somit auch weniger Kohlendioxid ausgestoßen.

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