Der Energiewende-Index sieht Verbesserungen für Offshore-Anlagen

Seit 2012 wirft die Unternehmensberatung McKinsey mit ihrem Energiewende-Index alle sechs Monate einen Blick in das Fortkommen der deutschen Energiewende und bedient sich dabei 15 Indikatoren. Die jüngste Meldung aus dem September 2015 zeigte sich hinsichtlich der Bedeutung der Offshore-Windkraftanlagen optimistisch: Erstmals wird dort die Anbindung der Offshore-Windparks und der Ausbau der Transportnetze als „realistisch“ bezeichnet. Damit haben sich die Aussichten der erneuerbaren Energien verbessert: Vor einem halben Jahr lagen noch sieben Indikatoren hinter der avisierten Zielerreichung zurück, jetzt sind es nur noch sechs.

Ein Grund zum Jubeln? Eher nicht.

Bei näherem Hinsehen offenbart sich nämlich folgende Situation:
Für das 1. Halbjahr 2015 weist die McKinsey-Statistik eine Zielerreichung beim Ausbau von Offshore-Windparks von 170 % aus. Die installierte Gesamtleistung in Ost-und Nordsee wird nach Einschätzung von Fachleuten bis Ende 2015 bei etwa 3 Gigawatt (GW) liegen. Das entspricht etwa der Leistung von drei Atomkraftwerken. Das liest sich zunächst gut, ist aber tatsächlich auch nur gut, wenn diese 3 GW beim Verbraucher ankommen und genutzt werden können.
Die Einspeiseleistung ist jedoch eines der Kernprobleme, die eine Nutzung dieser Strommenge reduzieren: Wie Daten des für den Netzanschluss der in der Nordsee installierten Anlagen verantwortlichen Betreibers Tennet zeigen, wird der Strom nur in geringen Mengen und mit einer sehr instabilen Leistung in das Stromnetz eingespeist. So ergibt sich für den Januar 2015 folgende Situation: Die bis dahin montierten Offshore-Windkraftanlagen brachten es zusammen auf eine Nennleistung von etwas mehr als 1,4 GW, die in das öffentliche Stromnetz eingespeiste Strommenge erreichte jedoch an Spitzentagen gerade mal  etwa 500 Megawatt (MW), also nur etwas mehr als ein Drittel der Nennleistung. Diese große Differenz legt nahe, dass es weiterhin technische Probleme mit den Anlagen gibt. Vermutet werden hier Schwierigkeiten mit der Anlagentechnik (z. B. Korrosion oder Unterspülungen des Fundaments) oder der Hochspannungsgleichstromübertragungsleistung (HGÜ). Letztere können sich ergeben, wenn sich Windparks vollständig vom Netz trennen.

Die McKinsey-Berater bemängeln jedoch auch den verzögerten Ausbau der Transportnetze: Zwischen März 2014 und September 2015 wurden nur halb so viele Leitungskilometer gebaut wie ursprünglich geplant. In den letzten Wochen hat es jedoch einige erfolgreiche Anschlüsse gegeben, die sich im nächsten Energiewende-Index widerspiegeln dürften.

Wer trägt das finanzielle Risiko einer schleppenden Netzanbindung?

Häufig hat, wenn es um Verzögerungen ging, in den letzten Jahren der Betreiber Tennet in den Schlagzeilen gestanden. Schon 2012 war bei RWE von einem dreistelligen Millionenschaden die Rede, weil es seit mehr als einem Jahr eine Verzögerung beim Bau einer Netzanbindung gegeben hatte. Diese HGÜ-Anbindung sorgt dafür, dass Strom auch über größere Entfernungen effizient übertragen werden kann. Im damaligen Fall ging es um eine 130 km lange Strecke vom Windpark „Nordsee Ost“ bis zum Festland, für die Tennet verantwortlich war. Nach dem seit 2012 gültigen Offshore-Haftungsgesetz hatte Tennet eine Entschädigung an RWE zahlen müssen, die den Betreiber allerdings nicht unmittelbar belasteten: Diese Kosten ließen sich über die Netzentgelte auf die Stromkunden umlegen.

Möglich macht dies der § 17f Energiewirtschaftsgesetz (EnWG). In seinem ersten Absatz gibt er den Netzbetreibern in dem Fall, dass der von ihren Windkraftanlagen auf See erzeugte Strom an mehr als zehn aufeinander folgenden Tagen nicht eingespeist werden kann, die Möglichkeit, die deshalb an Stromkonzerne zu zahlenden Entschädigungen an die Stromkonzerne als „Aufschlag auf die Netzentgelte anteilig auf die Letztverbraucher“ geltend zu machen. Dabei  ging die Bundesregierung  bereits 2012 von etwa 600 Mio. Euro pro Jahr aus.

Unter der Voraussetzung, dass die Verzögerung nicht vorsätzlich herbeigeführt wurde, dürfen diese Entschädigungen zum größten Teil an die Verbraucher weitergegeben werden: Handelt es sich um Schäden von bis zu 200 Mio. Euro in einem Kalenderjahr, werden ihnen hiervon 80 % erstattet. Betragen die Schäden zwischen 200 Mio. Euro und bis unter 400 Mio. Euro, sinkt der Selbstbehalt auf nur noch 15 %. Bei Beträgen zwischen 400 und bis unter 600 Mio. Euro müssen die Betreiber 10 % und bei Schäden darüber und bis zu 100 Mio.  Euro nur noch 5 % der Summe selbst tragen.
Sofern von den Stromkunden eine zu hohe Offshore-Haftungsumlage verlangt wurde, muss diese im Folgejahr wieder ausgeglichen werden. Das war im Jahr 2014 der Fall, sodass durch sie in 2015 keine Mehrbelastung entsteht.
 

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