Mit Holz Kohlekraftwerke betreiben: eine gute Idee oder eine Umweltsünde?

Eines der Umweltziele nicht nur der Bundesregierung, sondern auch der EU ist das allmähliche Zurückfahren der Nutzung von Kohle in Kraftwerken. Doch um die Kohlekraftwerke auch weiterhin einsetzen zu können, sind die Energiekonzerne auf einen anderen Rohstoff verfallen, der neben der Anlagennutzung auch einen stetigen Strom von EU-Fördergeldern sichert: Holz. Der mit Holz erzeugte Strom gilt gemäß der EU-Vorgaben als Ökostrom und wird entsprechend subventioniert. Auf den ersten Blick eine feine Sache: Die klimaschädliche Kohle wird vom CO2-neutralen und nachwachsenden Brennstoff Holz abgelöst. Aber hält dieser Vorteil auch einem zweiten kritischen Blick stand?

Umstellung auf Holz technisch unproblematisch

Um aus einem Kohle- ein Holzkraftwerk zu machen, müssen lediglich andere Mühlen, die das Brennmaterial zu Staub zerkleinern, montiert und die Kessel leicht verändert werden. Ein relativ geringer Aufwand, der sich schon deshalb lohnt, weil ein Kraftwerk, das ansonsten abgestellt werden müsste, nun noch weiterbetrieben werden kann. Der Effekt vergrößert sich noch für die Kraftwerke, die zwar in der EU, aber nicht in Deutschland liegen. In den Grenzen der EU ist das Jahr 2020 ein Jahr der Abrechnung: Bis dahin soll der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromversorgung im Vergleich zum Jahr 1990 um 20 % gestiegen und der CO2-Ausstoß um 20 % gesunken sein. Es ist den Mitgliedsstaaten allerdings freigestellt, wie sie dieses Ziel erreichen wollen. In Deutschland hat bereits 2011 die Deutsche Energie-Agentur (Dena) dem Thema einige medienwirksame Aufmerksamkeit beschert, als sie im Rahmen einer Studie verkündete, dass 7 Millionen Tonnen Holzpellets nötig seien, um in den deutschen Steinkohlekraftwerken einen Co-Firing-Anteil von 10 % zu erhalten. Diese Menge könne durch eine Mischung von heimischer und importierter Biomasse sichergestellt werden. Dort ist auch die Rede davon, dass Nutzungskonkurrenzen vermieden werden und deshalb „die globalen Holzpotenziale“ erschlossen werden sollten. Die Studie wurde mit der Unterstützung des Energiekonzerns Vattenfall Europe AG erstellt.

Allerdings werden nach den Vorgaben des Erneuerbare-Energien-Gesetzes in Deutschland nur diejenigen mit Biomasse betriebenen Kraftwerke gefördert, die eine maximale Leistung von 20 Megawatt haben. Das ist weit entfernt von der Leistung eines Kohlekraftwerks. Der Wunsch nach einer auf deutsche Kohlekraftwerke zugeschnittenen Förderregelung bei einer Befeuerung mit Biomasse wurde bislang jedoch nicht von der Politik umgesetzt.

Andere EU-Staaten ermöglichen die Holzverfeuerung in Kohlekraftwerken: In Frankreich, Polen, den Niederlanden, Dänemark oder Großbritannien stößt diese Nutzung der Kohlekraftwerke auf großes Interesse. Kein Wunder: Im Dezember 2016 befand die Europäische Kommission beispielsweise, dass das britische Kohlekraftwerk Drax für die Umstellung eines seiner Kraftwerksblocks auf Biomasse (genauer: Holzpellets) bis 2027 einen Aufschlag auf den Marktpreis erhält – allein 2015 waren das 540 Millionen Euro, wie die „Financial Times“ errechnet hat. Gleiches gilt für das Kraftwerk Lynemouth, die Förderung fällt dort allerdings wegen der geringeren Leistung nicht so hoch aus wie im Kraftwerk Drax. Die EU-Kommission bewertet dabei die Verwendung von Biomasse per se als vorteilhaft. Woher das Holz stammt und unter welchen Bedingungen es geschlagen wurde, spielt für sie bei ihrer ökologischen Bewertung bislang keine Rolle. In den entsprechenden EU-Pressemitteilungen werden die jährlich benötigten Pelletmengen und die Herkunftsländer des Holzes genannt: Das Kraftwerk Drax verfeuert Jahr für Jahr 2,4 Millionen Tonnen Pellets, die aus den USA und Südamerika stammen; das Kraftwerk Lynemouth verbraucht 1,5 Millionen Tonnen Pellets pro Jahr, die aus Holz produziert werden, das in den Wäldern von Europa, den USA und Kanada geschlagen wird.

Holzpellets sind völlig unproblematisch – oder?

Holz ist nur dann ein klimaneutraler Brennstoff, wenn es dort, wo es geschlagen wird, im Sinne einer nachhaltigen Forstbewirtschaftung wieder aufgeforstet werden kann. Angesichts des rasant steigenden Holzbedarfs, der insbesondere dem Pelletboom zuzuschreiben ist, kann davon kaum ausgegangen werden. Eine UN-Studie, die sich mit der europäischen Forstwirtschaft beschäftigte, kam 2010 zu dem Schluss, dass der Holzbedarf in Europa bis 2030 ständig steigen wird, die Waldflächen jedoch konstant bleiben werden. Der Wald muss also immer mehr „leisten“, was auch nach UN-Meinung signifikante Folgen haben wird. Zitat: „Wenn Holz den angestrebten Anteil an den erneuerbaren Energien liefern soll, müsste in den kommenden 20 Jahren annähernd 50 % mehr Holz aller Holzarten zur Verfügung stehen. Aber die Mobilisierung solch großer Mengen würde zu erheblichen Umwelt-, Finanz- und institutionellen Kosten führen.“ (Quelle: The European Forest Sector Outlook Study II, 2010-2030, Hrsg.: UNECE). Von Nachhaltigkeit ist da weit und breit nichts zu sehen.

Holzpellets für die Verfeuerung in privaten Öfen oder großen Kraftwerken sind schon lange nicht mehr das, womit sie anfangs beworben wurden: Die stetig steigenden Mengen stammen zu einem großen Teil nicht mehr nur aus den Sägespänen, die bei der hiesigen Holzverarbeitung als Abfallprodukt angefallen sind. Das benötigte Holz wird von weit her per Schiff oder Lkw zu den Sägewerken gebracht und nach der maschinellen Trocknung dort zu Pellets verarbeitet. Es stammt nicht nur aus den o. g. Ländern, sondern auch aus Russland, dem Baltikum, Bulgarien und Rumänien. In Osteuropa wird außerdem in großen Mengen illegal Holz geerntet und nach Westeuropa transportiert, was die Waldgebiete dort stetig schrumpfen lässt. Dass das schlecht für die Öko-Bilanz des Brennstoffs Holz ist, liegt auf der Hand. Auch im Südosten der USA mehrt sich der Protest: Es wird dort immer weniger akzeptiert, dass mit Holzplantagen Monokulturen geschaffen werden, um den Holzhunger in der Alten Welt zu bedienen.

Ein weiteres Problem ist der schlechte Wirkungsgrad von Holz bei der Stromerzeugung in Kohlekraftwerken. Er liegt bei gerade mal 50 %, was bedeutet, dass die Hälfte der Pellets als Abwärme verloren geht. Auch die oben zitierte UN-Studie empfiehlt aus Effizienzgründen, Holz für die Wärmeerzeugung oder Kraft-Wärme-Kopplung einzusetzen. Von einer Verstromung ist dort keine Rede.

Holz in Kohlekraftwerken? Finger weg!

Aus ökologischer Sicht kann die plakative Aussage „Holz ist ein besserer Brennstoff als Kohle“ nicht unterstützt werden. Ökosysteme rund um den Globus werden geschädigt, die Energiebilanz fällt für die Stromproduktion ziemlich mager aus, der Transport per Schiff oder Lkw ist alles andere als umweltfreundlich. Die einzigen Gewinner sind die Stromkonzerne, die die EU-Förderungen einstreichen. Die Verlierer sind alle EU-Bürger, die mit ihren Steuern diese Praxis finanzieren.

Hinsichtlich der Folgen, die die stetig steigende Nachfrage nach Holz aus den USA, dem für die EU größten Exporteur, für die dortige Umwelt hat, hat sich zwischenzeitlich auch die Europäische Kommission Gedanken gemacht. In einer Studie (Environmental Implications of Increased Reliance of the EU on Biomass from the South East US, 2014) hat sie ihre Bedenken hinsichtlich der negativen Umweltauswirkungen auf die Waldgebiete im dortigen Südosten formuliert. Sie befürchtet den Verlust der Artenvielfalt, die Entwaldung und die grundsätzliche Verschlechterung der Waldqualität (Walddegradation) und sieht den Konflikt mit den eigenen Umweltzielen sowie internationalen Umweltschutz- und Artenabkommen. Die Studie schlägt für die gesamte EU zwölf sog. Interventionswerkzeuge vor, wobei die Bandbreite von einer Biomasse-Quote für jedes EU-Land bis zu Wald- und Biomasse-Zertifikationen geht. Es bleibt abzuwarten, ob und was davon in Zukunft umgesetzt wird.

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