Strom von der Insel? Energieversorger planen künstliches Eiland für Offshore-Windkraft

Eine Flugzeuglandebahn, ein Hafen, eine Solarfarm, ein künstlicher See, Wohnunterkünfte für 2.000 Menschen und einige Konverter – das alles soll 2035, aber spätestens 2050 auf einer Fläche von sechs Quadratkilometern Platz finden. Die Rede ist von einer Idee, die der niederländisch-deutsche Stromversorger TenneT und sein dänischer Mitbewerber Energinet.dk voranbringen wollen und die das eine oder andere Problem bei der Stromgewinnung durch Offshore-Windkraftanlagen lösen soll: Die Rede ist von einer künstlichen Insel auf einer Sandbank in der Nordsee, der sogenannten Doggerbank. Diese Sandbank hat den Vorteil, an manchen Stellen nur 13 Meter unter dem Meeresspiegel zu liegen. Wie sich das die beiden Konzerne vorstellen und was da genau passieren soll, erläuterte der TenneT-Vorstandsvorsitzende Mel Kroon.

Windenergie für 80 Millionen Menschen

Der Plan ist ambitioniert: Das Eiland, das den Namen „North Sea Wind Power Hub“ tragen wird, soll voraussichtlich 1,35 Milliarden Euro kosten und mithilfe von Meereskabeln Stromkunden in Dänemark, Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien, Norwegen und Belgien mit Windenergie versorgen. Die Insel wird also die Funktion eines Verteilkreuzes haben. Die zunächst hoch erscheinenden Kosten werden von den beiden Netzbetreibern allerdings als relativ gering eingeschätzt.

Die Versorger wollen mit ihrem Projekt dazu beitragen, dass die im Zuge des Weltklimagipfels in Paris 2015 vereinbarten Klimaziele eingehalten werden können. Kroon hat dabei die vollständige Versorgung Nordwesteuropas mit erneuerbaren Energien vor Augen, zu der das Insel-Verteilkreuz einen wesentlichen Beitrag leisten soll. Seiner Ansicht nach ist die Wind- die perfekte Ergänzung zur Sonnenenergie: Während mit der Solarenergie von Frühling bis Herbst die besten Erträge zu erzielen sind, trifft dies bei der Windenergie auf die Wintermonate zu. Koos sieht insbesondere in Großprojekten wie diesem eine Chance, in Zukunft noch stärker als bisher von Offshore-Windenergie zu profitieren. Im März 2017 wurde bereits eine Kooperationsvereinbarung zwischen den Netzbetreibern und dem Europäischen Kommissar für Energie Maroš Šefčovič unterzeichnet, eine Ausweitung der Zahl der Kooperationspartner ist geplant.

Einige technische Details

Die künstliche Insel wird nicht das erste windtechnische Bauwerk auf der Doggerbank sein. Das Firmenkonsortium Forewind, zu dem die Konzerne RWE Innogy, Statkraft, SSE und Statoil gehören, hat bereits 2010 mit den Vorbereitungen zur ersten Ausbaustufe des weltweit größten Windparks begonnen, die in 200 Kilometern Entfernung von der britischen Küste bis 2020 ca. 9.000 MW Offshore-Windleistung erbringen soll. Insgesamt sind vier Ausbaustufen vorgesehen, 2015 wurden die ersten 2.400 MW des Offshore-Windparks vom britischen Energieminister genehmigt. Dieses Projekt lässt sich mit dem der künstlichen Insel verknüpfen.

An den „North Sea Wind Power Hub“ lassen sich mehrere Windparks mit einer Gesamtkapazität von 70.000 bis 100.000 MW anschließen. Durch das modulare Konzept lässt sich die Insel um ein bis zwei weitere Komponenten mit einer Größe von ebenfalls je sechs Quadratkilometern erweitern. Mittels Konvertern wird der durch die Windanlagen erzeugte Drehstrom in Gleichstrom umgewandelt und an die Nordseeanrainerländer weitergeleitet. Die Gleichstromleitungen werden gleichzeitig als Interkonnektoren genutzt, was der Versorgungssicherheit dient und so die Effizienz steigert.

Durch die Nähe zur Verteilerinsel zu den angeschlossenen Windparks reduzieren sich die Kabellängen und die Stromverluste. Die Dogger Bank bietet für dieses Großprojekt ideale Voraussetzungen: Die geringe Wassertiefe wirkt sich günstig auf die Baukosten aus, und die sehr guten Windbedingungen sorgen für eine hohe Effizienz sowie beste Kosten-Nutzen-Verhältnisse.

Auch die Montage der bis zu 20.000 Tonnen schweren Konverter ist auf einer künstlichen Insel deutlich unkomplizierter als im Meer. Sie ist fast so problemlos zu handhaben wie auf dem Festland.

Doch dieses ambitionierte Vorhaben steht vor Fragen, die beantwortet werden müssen, bevor der erste Schraubenschlüssel in die Hand genommen wird: Ein großer Teil der Doggerbank ist als Natura-2000-Schutzgebiet klassifiziert. Umweltschützer haben bereits gegen das oben beschriebene Windpark-Projekt Forewind protestiert. Hinter Natura 2000 steht ein Netz verschiedener Schutzgebiete innerhalb der EU, mit dem gefährdete Lebensräume oder Arten geschützt werden sollen. Unterteilt in die Vogelschutz-Richtlinie und die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie deckt Natura 2000 mit mehr 27.000 Schutzgebieten knapp 20 % der EU-Fläche ab.

Auch juristisch müssen vor dem Baubeginn noch einige Hürden genommen werden: Es gilt, das Vorhaben in die Energiemärkte einzubinden und einen regulatorischen Rahmen zu erstellen. Es gibt also noch dicke Bretter zu bohren, bis dieses visionäre Projekt verwirklicht werden kann.

Einen Eindruck davon, wie eine solche künstliche Insel aussehen soll, zeigt dieser Imagefilm: https://youtu.be/NI0sbiCNXtA

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