Über die Zukunft von Kohle und Tagebauen in Deutschland

Noch im Jahr 2014 hatte Strom aus Stein- und Braunkohle einen Anteil von 43,6 Prozent am deutschen Energiemix. Mit dem Klima-Ziel der Bundesregierung, den Anteil erneuerbarer Energien am Stromverbrauch bis zum Jahr 2050 auf 80 Prozent zu erhöhen, wird sich der Stellenwert der Kohle in Zukunft verändern. Während dieser Wandel für den Klimaschutz unverzichtbar ist, sind auch die Folgen für Regionen, die seit Jahren auf Kohleabbau und -Verstromung basieren, nicht von der Hand zu weisen. Was aus alten Kohlekraftwerken und Tagebauen wird, und wie der Kohleausstieg in Deutschland gelingen könnte, lesen Sie in den folgenden Abschnitten.  

Welchen Stellenwert hat die Kohle in Deutschland?

Kohlestrom hatte im Jahr 2014 einen Anteil von 43,6 Prozent am deutschen Energiemix. Nach dem wachsenden Sektor der erneuerbaren Energien, der im gleichen Jahr einen Anteil von 25,8 Prozent erreichte, bildet Kohle damit seit vielen Jahren die Nummer eins der Energiequellen in Deutschland.  
Heute produzieren 107 Kraftwerke Strom mit einer Netto-Leistung von 49.453 Megawatt. Über 60 Prozent davon stehen in den Ländern Nordrhein-Westfalen (21.980 MW), Brandenburg (4.409 MW) und Sachsen (4.325 MW). Während in den vergangenen 6 Jahren 38 alte Kraftwerke vom Netz genommen wurden, nahmen gleichzeitig 13 Neue den Betrieb auf. (bundesnetzagentur.de)  

Im Gegensatz zur Steinkohle, deren letzte Zechen aufgrund auslaufender staatlicher Subventionen im Jahr 2018 geschlossen werden, stammt der größte Teil der in Deutschland verfeuerten Braunkohle aus vier Revieren. Wie die Kraftwerke liegen auch diese in den Ländern Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Brandenburg. Allein im Jahr 2015 wurden in Deutschland dabei 887.763.000 m³ Abraum bewegt. Zum Vergleich: Die Müritz, einer der größten Seen in Deutschland, hat ein geschätztes Volumen von rund 737.000.000 m³.

Die deutschen Braunkohletagebauten beschäftigen heute rund 20.000 Menschen. Deutlich mehr dürfte es in den Braun- und Steinkohlekraftwerken selbst sein. (kohlestatistik.de) Braunkohletagebaue hinterlassen tiefe Einschnitte in Deutschlands Landschaft. Wie verändern sie sich durch den Kohleausstieg?

Ist ein schneller Kohleausstieg möglich?

Auch wenn ein schneller Kohleausstieg für Klima und Umwelt zweifelsfrei von Vorteil wäre, ist überstürztes Handeln schwer möglich. Denn dafür bedarf es zunächst einer Alternative für die von der Regierung als „Brückentechnologie“ bezeichnete Kohle.
Die Erneuerbaren haben heute einen Anteil von fast 26 % am deutschen Energiemix und werden stetig weiter ausgebaut. Dennoch ist ihr Angebot variabel. Das heißt, Strom wird nur dann erzeugt, wenn der Wind weht oder die Sonne scheint. Um dabei auch ohne Kohle eine hohe Versorgungssicherheit gewährleisten zu können, müssen zunächst die Stromnetze ausgebaut werden. Um die beschriebenen Angebots-Schwankungen ausgleichen zu können, kommt es dabei vor allem auf entsprechende Speichertechnologien an.
Darüber hinaus würde sich ein rascher Kohleausstieg deutlich auf die Wirtschaft der Länder Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Brandenburg auswirken. Denn diese bauen zum größten Teil auf den Rohstoff Kohle.

Was wird aus deutschen Braunkohle-Tagebauten?

Auch wenn sich der Abbau von Braunkohle nur gering auf die CO2-Emissionen auswirkt, hat er dennoch schwerwiegende Folgen für Umwelt und Natur. Um den unbändigen Hunger nach dem fossilen Rohstoff bändigen zu können, musste jahrelang viel Land umgegraben werden. Neben Flächen für Landwirtschaft oder Tiere, wurden dabei ganze Dörfer umgesiedelt. Da die Kohle erst in tiefen Erdschichten gewonnen werden kann, war es zudem notwendig, den Grundwasserspiegel in den betreffenden Regionen immer wieder abzusenken, um das Volllaufen der Tagebauten verhindern zu können.
Werden deutsche Tagebauten stillgelegt, müssen die Folgen des Kohleabbaus beseitigt werden. Das Geld für die aufwendigen Renaturierungs-Arbeiten, bei denen Flächen kultiviert und Tagebauten geflutet werden, zahlen dabei die Energiekonzerne aus dafür vorgesehenen Rückstellungen.
Nach Einschätzung von Branchenexperten könnten diese aber zu gering ausfallen. So beschreibt eine kürzlich veröffentlichte Studie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) und des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS), dass die Ermittlung der Folgekosten intransparent vorgenommen wird und die finanziellen Rückstellungen daher zu gering seien. Ein weiteres Problem: Die Energiekonzerne können über die Beträge zur Absicherung der Kohle-Folgekosten verfügen. Bei anhaltenden finanziellen Schwierigkeiten könnte es daher passieren, dass die Mittel real nicht verfügbar sind und die Steuerzahler auf den Kosten sitzen bleiben. (greenpeace-magazin.de)

Wie könnte der Kohleausstieg praktisch ablaufen?

Der Think-Tank Agora-Energiewende hat den Kohleausstieg untersucht und elf Eckpunkte für einen Konsens aufgestellt. Das im Januar 2016 veröffentlichte Papier bietet damit ein Konzept für eine schrittweise Dekarbonisierung des deutschen Stromsektors. Die wesentlichen Punkte daraus lauten:

  • Der Ausstieg aus der Kohle findet schrittweise statt.
  • Während die Abschaltung alter Kraftwerke geplant wird, wird auf den Bau neuer verzichtet.
  • Die Braunkohletagebauten selbst werden nicht ausgebaut oder erweitert. In diesem Zusammenhang wird auch auf neue Umsiedlungsprozesse verzichtet. Gleichzeitig soll eine Abgabe auf die in Zukunft geförderte Kohle die entstandenen Folgelasten finanzieren.
  • Während die Strom-Versorgungssicherheit über den gesamten Transformationsprozess hinweg oberste Priorität hat, soll der Emissionshandel weiter gestärkt werden. (agora-energiewende.de)

Welche Ziele verfolgt die Politik mit Kraftwerken und Tagebauten?

Als Brückentechnologie der Energiewende misst die Bundesregierung der Kohle auch weiterhin eine hohe Bedeutung bei. Nach der Überführung einiger Kraftwerke in eine stille Reserve – der vorübergehenden und finanzierten Außerbetriebsetzung – zur Reduzierung der CO2-Emissionen schätzt sie den Handel mit Emissionszertifikaten als wichtigstes Instrument ein. Dieser soll europaweit gestärkt werden und dazu führen, dass alte und „schmutzige“ Kraftwerke aus wirtschaftlichen Gründen vom Netz gehen.  

In welchen Schritten der Kohleausstieg tatsächlich vonstattengeht, bleibt abzuwarten. Deutlich wird jedoch, dass das Thema seit der Pariser Klimakonferenz auch in der Bevölkerung deutlich an Bedeutung gewonnen hat. Die wachsende Divestment-Bewegung, die dazu aufruft Gelder zum Beispiel aus Kohle-Unternehmen abzuziehen, ist ein Zeichen für die bereits begonnene Veränderung.

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