Wohin mit dem Polystyrol?

Die Diskussionen um die Verwendung von Polystyrol zur nachträglichen Dämmung von Außenfassaden reißen nicht ab. Zwar ist der Baustoff sehr effizient und kostengünstig zu verarbeiten, die Brandpanik um Polystyrol wurde in den letzten Jahren jedoch trotzdem immer wieder entfacht. Dass diese zu weiten Teilen unbegründet ist, bestätigte 2014 unter anderem die Berufsfeuerwehr Hamburg in einem Interview. Aktuell nimmt die Diskussion wieder Fahrt auf, da das Flammschutzmittel zur Behandlung von Styropor (HBCD) nun als gefährlicher Stoff eingestuft worden ist. Unsere Gastautorin Annika Verborg klärt deshalb, was sich dadurch ändert und vor welchen Herausforderungen die Entsorgungsindustrie nun steht:

Was ist Hexabromcyclododecan (HBCD)?

Hexabromcyclododecan gehört zu den additiven Flammschutzmitteln und übernimmt die Funktion, eine langsamere Entwicklung lokaler Brandherde möglich zu machen. Seit 2008 wird HBCD den besorgniserregenden Stoffen zugeordnet, da es durch verschiedene Prozesse in die Umwelt gelangen und sie damit schädigen kann. Auch für den Einsatz als Flammschutzmittel gilt ein weltweites Herstellungs- und Anwendungsverbot, womit der Haupteinsatzbereich als Zusatz in Dämmplatten ausgenommen ist. Denn für die Verwendung in EPS, also expandiertem Polystyrol, für Bauzwecke hat die Europäische Union eine Zulassung erteilt, dessen Überprüfungszeitraum am 21. August 2017 ausläuft.
Besonders die Entsorgung dieses Stoffes steht immer wieder im Fokus der Berichterstattung. Denn in Deutschland gelten HBCD-haltige Dämmstoffe seit Herbst 2016 als gefährlicher Abfall und dürfen nicht mehr in Müllverbrennungsanlagen entsorgt werden, ohne eine Genehmigung vorzulegen.

Wer übernimmt die Entsorgung?

Gerade aufgrund der verschärften Entsorgungsverordnung beginnt nun die Suche nach klaren Regelung. Die Ämter für Umweltschutz werden daher aktuell nicht nur mit einer Menge Fragen konfrontiert, sondern werden zur dringenden Erarbeitung eines Entsorgungsplans für angefallene Dämmstoffe aufgerufen. Denn war es bis zum Jahr 2014 üblich, Hexabromcyclododecan zur Behandlung von Polystyrol zu verwenden, gilt es nun mit diesem Status Quo umzugehen. Denn die Zeit, wo diese Stoffe recycelt oder dem übrigen Bauschutt beigemengt werden durften, gehört jetzt der Vergangenheit an.

Doch mit der Diskussion um die Entsorgung fangen die Fragen gerade erst an. Denn in geringen Mengen befindet sich Hexabromcyclododecan auch in Verpackungsmaterialien von Lebensmitteln. Dass diese kleineren Mengen weiterhin über den Hausmüll bzw. die gelbe Tonne entsorgt werden, daran besteht bei den meisten Vertretern von Umwelt und Industrie kein Zweifel. Weniger einig ist man sich über die Entsorgung von Dämmstoffen, die bei der Sanierung von Gebäuden als Abfall anfallen.  

Die neue Einstufung als gefährlicher Stoff sieht vor, dass Dämmstoffe und andere mit HBCD behandelten Materialien nur noch getrennt gesammelt, gelagert, transportiert und anschließend verbrannt werden dürfen.
In der Kritik steht deshalb besonders die Lagerung, die schon wegen des Volumens problematisch und durch die Einstufung als gefährlich praktisch unmöglich gemacht würde. Und auch transportieren dürfe man das Material theoretisch dann auch nur als Gefahrgut. Wäre das nicht schon Chaos genug, beginnen nun Landkreise und Länder völlig eigene Konzepte zu entwickeln, um die in Panik geratene Bevölkerung und Industrie zu ordnen:

Regionaler Notstand ausgerufen:

Die Abfallwirtschaft Rendsburg-Eckernförde hat ihren Kunden beispielsweise mitgeteilt, dass sie sich „außerstande sieht, diese Abfälle zur Entsorgung anzunehmen“. Dem Verbraucher bleibt daher aktuell nichts Anderes übrig, als die Giftstoffe zu Hause aufzuheben, bis eine Lösung gefunden wird, oder den Abfall an private Recycling-Unternehmen zu geben, die hohe Entsorgungskosten berechnen. In Rendsburg-Eckernförde spricht man angesichts dieser Situation sogar von einem Entsorgungsnotstand. Der WAR-Geschäftsführer entschärft vorsichtig optimistisch und ist überzeugt davon, dass sich „in Kürze praktikable Lösungen auftun“. Einen legalen Entsorgungsweg gibt es für die umliegenden Unternehmen und Bauherren aktuell aber nicht.

Der Ministererlass

Innerhalb dieser misslichen Lage wurde es den Ländern ermöglicht, per Ministererlass die neue Vorschrift auf gewisse Weise abzumildern, damit die Stoffe in untergeordneten Mengen dem Bauschutt beigemischt werden können. Dieser Erlass sorgt dafür, dass Sachsen für die nächste Umweltministerkonferenz Anfang Dezember in Berlin einen Antrag gestellt hat, der eine Lösung der aktuellen Probleme bei der Entsorgung von Styropor-Abfällen zum Ziel haben soll.
Grund für diese Initiative seien auch hier Probleme bei der Entsorgung von Styropordämmstoffen. Denn die Trennung der Styroporanteile von sonstigen Bauabfällen bei Entsorgungsunternehmen führt dazu, dass reine Styroporabfälle entstehen, die von Verbrennungsanlagen aus technischen Gründen nicht verbrannt werden können.
„Unser Antrag ist darauf gerichtet, endgültige Rechtssicherheit für die an der Entsorgung Beteiligten herzustellen“, so der Minister.
Bis dahin gilt: Nichts wie weg mit den HBCD-Dämmstoffen! Deshalb hat das Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft die zuständigen Behörden darüber informiert, über welche rechtlichen Wege die Herstellung entsprechender Abfallgemische durch Entsorgungsunternehmen genehmigt werden kann.

Neben Sachsen hat auch die Landesregierung von Niedersachsen bereits reagiert und verkündet in einer Pressemitteilung folgende Ziele: „Zur Annahme der Abfälle müssen die Positivkataloge der Abfallverbrennungsanlagen um den geänderten Abfallschlüssel erweitert werden. Hierzu hat das Niedersächsische Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz (MU) bereits im Vorfeld der Änderung am 22.07.2016 einen Erlass herausgegeben, der auf unbürokratische Weise die Möglichkeit zur Ergänzung des Positivkataloges im sogenannten Anzeigeverfahren eröffnet.“

In Rheinland-Pfalz (https://mueef.rlp.de) sieht man der Situation entspannt entgegen und beruhigt die Gemüter: „In Rheinland-Pfalz hat sich der Abfallentsorgungsweg von Styropor durch die neue Rechtslage nicht verändert. Für die HBCD-haltigen Materialien stehen wie bisher die meisten Müllverbrennungsanlagen zur Verfügung, weil sie - mit Ausnahme der Anlage in Pirmasens - bereits über eine entsprechende Zulassung verfügen. Außerdem können Bauabfälle mit geringen Mengen an HBCD-haltigen Dämmmaterialien als nicht gefährlicher Abfall in allen Hausmüllverbrennungsanlagen entsorgt werden“.

Die Verbände im Zugzwang

Die Verunsicherung, die sich in der Diskussion um EPS-Dämmstoffe (Link: http://www.daemmen-und-sanieren.de) widerspiegelt, hat natürlich auch große Auswirkungen auf die Fachverbände. Der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (http://www.zdb.de/) ruft beispielsweise in seiner Pressemitteilung von Ende September dazu auf, dass Müllverbrennungsanlagen, Politik und Entsorger gemeinsam handeln müssen. Denn durch die neuen Richtlinien sieht der Verband die Sanierungs- und Umweltziele bedroht: "Wenn nicht kurzfristig eine Lösung für Beprobung, Trennung und Entsorgung gefunden wird, können Polystyrol-Dämmstoffe in naher Zukunft weder verarbeitet noch zurück gebaut werden. Das wäre ein fataler umweltpolitischer Rückschlag auf dem Weg zu energieeffizientem Wohnen und für das Erreichen der Energiewende", so Vorstand Felix Pakleppa.

Fazit

Die veränderten Vorschriften zur Entsorgung von mit Hexabromcyclododecan behandelten Dämmstoffen nimmt weiter kräftig Fahrt auf. Und solange sich Bund, Länder und Kommunen nicht über die Entsorgung und einheitliche Grenzen einig sind, wächst die Verunsicherung bei Verbänden, Entsorgern und Hausbesitzern. Denn niemand möchte Baustoffe verarbeiten, bei denen es hinsichtlich der Entsorgung und Lagerung keine verlässliche Lösung gibt. Einen regionalen Notstand auszurufen ist innerhalb dieser Debatte ebenso überflüssig, wie die individuelle Abmilderung, die innerhalb der Bundesländer zu nicht nachvollziehbaren Lösungen führen wird. Das Problem an der Wurzel packen – ein wünschenswertes Ziel für die kommenden Monate.

Lesen Sie zu diesem Thema auch:

Die Energiewende: Der richtige Weg oder Teufelszeu...
Energiewende: Die Stimmung in der Gesellschaft